oder: Was Du schon immer über AMIGA-Lizenz-Schallplatten wissen wolltest.

Paul Young (1987)

AMIGA 856271
(eigene Sammlung)

Vorbetrachtung

Die AMIGA-Titel der A-Seite stammen von der Original-LP „No Parlez“ (1983) und es wurden bis auf den Original-Titel „Ku Ku Kurama“ einfach die ersten fünf Titel in der selben Reihenfolge (A1 – B1) übernommen.

Auf der Seite B wurde scheinbar vielfältiger ausgewählt. Die Titel stammen von der Original-LP „The Secret Of Assoziation“. Hier wurden von der Original-LP nur der erste, dritte und fünfte Titel der Seite A und von der Seite B nur der vierte und fünfte Titel übernommen – wieder in der gleichen Reihenfolge.

Das Cover der AMIGA-LP ist identisch mit der Vorderseite der Original LP „The Secret Of Association“.  Die Rückseite wurde selber gestaltet. Als Quelle der Fotos wird auf der Original-LP angegeben: „(c) 1984 REGAL MERCHANDISING LTD“. Bei AMIGA eine Quellenangabe.

Thomas Groß

Covertext

Es könnte sich um typisch britische Ironie handeln, mit Vorliebe schwarze Soul-Stücke zu singen, seine Band aber ROYAL FAMILY zu nennen. Vielleicht aber auch um typisch britisches Selbstbewußtsein. Genügend Charme besitzt er, um beides wegzutragen, der 1956 in Luton/Bedfordshire geborene Paul Young, der nach Oberschul- und Lehrjahren, letztere in einer Autofabrik, zur mehrversprechenden Pop-Musik stieß, mit einigen Grundkenntnissen auf dem Piano und der Gitarre. Zunächst reichte es zum Baß-Gitarristen in der nicht weiter bekannten STREETBAND, deren Alben mit Allerwelts-Rock nur auf schmale Publikumsgunst trafen. 1980 stieg er bei den Q-TIPS ein, einer bläserbestückten Acht-Mann-Formation, die mit Rhythm & Blues- bzw. Soul-Klassikern ein bestens gebuchtes und sogar bis in Adlershofs „rund“-Sendung vorgedrungnes Live-Programm realisierte, aber ebenfalls keinen Plattenerfolg ablieferte. Zwangsläufig löste sie sich 1982 auf, und Young stellte sich auf eigne, und zwar Studio-Beine. In Keyboarder lan Kewley besaß, er seit Q-TIP einen künstlerischen Kompagnon, in Laurie Latham fand er einen kreativen Produzenten und in CBS eine nicht abgeneigte Plattenfirma.

Es brauchte jedoch fast zwei Jahre, um die Titel für eine LP zusammenzubringen und aufzunehmen. Da Young zu eignen Werken noch kein Zutrauen hatte, wollte er mit Neuinterpretationen debütieren. Obwohl er wirkliche Hits und damit ungünstige Vergleiche vermied und sich stattdessen an gediegene, aber übersehene Songs hielt, blieb es ein Risiko, Lieder von Marvin Gaye (W h e r e v e r   I   L a y   M y   H a t), Booker T. Jones (I r o n   O u t   T h e   R o u g h   S p o t s), aus dem Reggae-Bereich (L o v e   O f   T h e   C o m m o n   P e o p l e) oder erfolgreicher weißer Soulgruppen wie JOY DIVISION (L o v e   W i l l   T e a r   U s   A p a r t) nachzusingen. Genügend Feeling für „souliges“ Material hatte der Sänger Young durch seine 700 Auftritte mit den Q-TIPS und durch Schulung an Gesangsvorbildern wie Paul Rodgers von FREE bzw. BAD COMPANY zweifellos erworben. Er besaß eine interessant gefärbte, intensive Stimme, die ebenso ausgeglichen-schön wie natürlich-rauh intonieren, ebenso Melodiebögen herausmodellieren wie affektgeladene Tonimpulse austeilen konnte. Im rhythmischen Vortrag bewegte er sich ungebunden und setzte sich souverän auch gegen kraftvolle instrumentale Gegenparts durch.

Zwar sang er im Ganzen doch wohl eher ausgewogen als ekstatisch, aber dafür als Enkel der weißen Bluesrock-Erfahrung nicht mehr von der frustrierenden Illusion der 60er Jahre geplagt, die schwarze Intonation je einholen zu können oder zu müssen. (Bezeichnenderweise hält Young Janis Joplin für „überdreht“.) Und so vermochte er mit seiner Mischung aus Rauheit und Verbindlichkeit, Charakter und Sentimentalität problemlos zu überzeugen. Die mächtigere Hürde auf dem Weg zu Anerkennung und Erfolg steckte natürlich in den Arrangements, die den, wenn schon nicht gestiegenen, so auf jeden Fall gewandelten Sound-Anforderungen der 80er Jahre gerecht zu werden hatten. Sie durften den Geist des Originals nicht verraten, mußten aber modern sein, also zumindest eine geschickte Verbindung akustischer und synthetischer Klänge versuchen, sie mußten intelligent und einfallsreich, aber immer noch musikantisch und ungeschraubt, mußten populär und eingängig, aber durften nicht. aufdringlich und billig sein.

Mit einem Rudel von Session-Musikern, das sich bereits ROYAL FAMILY nannte, aus dem sich aber erst in der Folgezeit eine wirkliche Band herauskristallisieren sollte, wurde diese Hürde bewältigt und mit NO PARLEZ eins der künstlerisch gelungensten und auch kommerziell erfreulichsten Alben des Jahres 1983 vorgelegt. Es vermochte sowohl anspruchsvolle Kritiker zufriedenzustellen, als auch mit den drei Single-Auskopplungen (C o m e   B a c k   A n d   S t a y ,   W h e r e v e r   I   L a y   M y   H a t ,   L o v e   O f   T h e   C o m m o n   P e o p l e   Paul Young eine breite Gemeinde zu erschließen. Außer mit der Leistung des Sängers beeindruckte es mit einer Fülle melodischer Grund- und Nebenideen in den spannend und durchhörbar gegeneinander gesetzten Instrumentaltracks sowie mit überraschenden und ständig wechselnden, manchmal ein wenig aus-wuchernden und hymnisierten Klangmixturen. Die für die A-Seite unseres Samplers ausgewählten Songs von NO PARLEZ geben einen repräsentativen Querschnitt und zeigen Youngs Vermögen, einen Popsong zu einem belangvollen Lied zu steigern. Es sei dahingestellt, ob eine kammermusikalisch selbständige Baßlinie und ein kontrapunktischer Streicherhintergrund (W h e r e v er   I   L a y   M y   H a t) mit Soul noch etwas stilistisch zu tun haben. Doch mit seiner Einstellung, im populären Song Wirklichkeit aufzufinden und erlebbar zu machen, durchaus.

Nach ausgiebigen Tourneen legte Young im Frühjahr 1985 seine zweite LP THE SECRET OF ASSOCIATION vor, die diesmal eigne und nachgesungene Titel mischte. Sie gab das mit NO PARLEZ entwickelte Klangkonzept nicht auf, akzentuierte es aber im rhythmischen und sängerischen Charakter wesentlich härter, nerviger, rockiger. Das zeigen Songs wie   B i t e   T h e   H a n d   T h a t   F e e d s   oder die Eigenkomposition   H o t   F   u   n   sehr schön.

Wieder erstaunt vor allem Youngs Fähigkeit, für starke fremde Songs nicht minder überzeugende persönliche, neue Lesarten zu finden. Etwa bei der gutplazierten Single-Auskopplung I’m Gonna Tear Your Playhouse Down aus dem Repertoire Ann Peebles, der aus St. Louis stammenden Soul-lnterpretin, oder bei   S o l d i e r ‚ s   T h i n g s , einer bitter-sarkastischen Ballade des kalifornischen Rock-Einzelgängers Tom Waits. Dabei werden extremste Mitteilungen und Haltungen – hier freches, männlich-chauvinistisches Draufgängertum, da tragische Vereinsamung – zusammengehalten von ungewöhnlich weitgefächerter stimmlicher Geschmeidigkeit und Ausdruckskraft. Eingefügt finden sie sich in ein ebenso sparsames wie effektsicheres, ebenso ausbalanciertes wie gefühlsbetontes Sound-Geflecht. Das ist Pop-Musik vom Feinsten, eben kein kontinentaler Verschnitt, sondern von typisch britischem Adel.

Wolfgang Tilgner (1987)

Titelliste

A1 – Come Back And Stay – 4:27
(Jack Lee)

A2 – Love Will Tear Us Apart – 4:17
(Joy Division)

A3 – Wherever I Lay My Hat (That’s My Home) – 5:16
(Marvin Gaye / Norman Whitfield / Barrett Strong)

A4 – No Parlez – 4:53
(Anthony Moore)

A5 – Love Of The Common People – 4:56
(John Hurley / Ronnie Wilkins)

B1 – Bite The Hand That Feeds – 4:32
(G. Lyle / B. Livsey)

B2 – I’m Gonna Tear Your Playhouse Down – 5:04
(E. Randle)

B3 – Soldier’s Things – 6:20
(T. Waits)

B4 – Hot Fun – 4:26
(P. Young / I. Kewley)

B5 – This Means Anything – 3:15
(P. Young / I. Kewley)

Lizenzgeber CBS Records International

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übereinanderliegend aufbewahren.
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