oder: Was Du schon immer über AMIGA-(Lizenz-)Schallplatten wissen wolltest.

Roger Chapman (1985)

AMIGA 856124
(1 Exemplar – eigene Sammlung)

Covertext

„Als Leidenschaftslosigkeit verteilt wurde, war die Schlange lang – und ich war der Letzte.“
(aus I REALLY CAN’T GO STRAIGHT)

Man kann lange hin und her überlegen, an wen diese Stimme, diese Musik erinnert. Van Morrison kommt in den Sinn, Joe Cocker vielleicht, ein bißchen Janis Joplin auch, aber wohl nur wegen der Verwandtschaft in der leidenschaftlichen Hingabe an ein Lied. Ansonsten ist Roger Chapman eben doch ein Unikat. Seine Stimme assoziiert vieles: billige Kneipen, Altstadt, Samstagabendtanzvergnügen, verschwitzte Rockschuppen, und sie verrät die Vertrautheit mit schwarzem Rhythm & Blues. Sie ist kehlig, rauh, modulationsfähig -wie sie nur bei jemandem sein kann, der das, was er singt, bis ins letzte Wort voll auslebt, und sie besitzt ein einzigartiges Vibrato, das sich den Maßstäben herkömmlicher Ästhetik völlig entzieht. Es ist die Stimme eines Mannes, der von innen her brennt, der sich ganz gewiß nichts einfach macht, wenn es um seine Musik geht.

Ein Musiker mit einer solchen Haltung und einer solchen Stimme ist von vornherein nicht unbedingt auf vordere Hitparadenplätze programmiert. In der Tat verdient Chapman schon seit über 20 Jahren sein Brot mit Rockmusik, lange Zeit ohne nennenswerte kommerzielle Erfolge verbuchen zu können. Wohlmeinendes Mitleid hat er inzwischen aber keineswegs mehr nötig, denn in seinem 43. Lebensjahr ist er musikalisch so gut wie noch nie, was von einer wachsenden Fan-Gemeinde erkannt wird.

In den frühen 60er Jahren leitete Chapman in seiner Heimatstadt Leicester eine Band namens „The Strollers“, die als Begleitgruppe für umherziehende Solisten ein bescheidenes Auskommen hatte. 1965 tat er sich mit Rick Grech (Geige, Baßgitarre), Lim King (Saxophon) und Charlie Whitney (Gitarre) zusammen, und nach dem Beitritt des Schlagzeugers Rob Townshend nannte sich diese Formation „Family“ In ihren Live-Auftritten machte die Gruppe Furore, während der Käuferkreis ihrer Langspielplatten auf ein zwar treues aber zahlenmäßig kleines Insiderpublikum beschränkt blieb. 1973 löste sich „Family“ auf.

Gemeinsam mit Charlie Whitney gründete Roger Chapman im darauffolgenden Jahr „The Streetwalkers“, in deren Konzerten sein urwüchsiges Temperament schon damals die Fans begeisterte, doch auch dieser Band war der Durchbruch zur Sympathie breiterer Hörerkreise nicht beschieden. Mit der Beendigung des Unternehmens „Streetwalkers“ zogen dann auch Chapman und Whitney einen Schlußstrich unter ihre immerhin zwölfjährige musikalische Zusammenarbeit.

Im Februar 1979 trat Chapman wieder an die Öffentlichkeit, diesmal mit einer Solo-LP, die als Titel seinen Spitznamen „Chappo“ trug. Ein Jahr darauf ging er mit einer eigenen Band auf Tourneen – mit seiner berühmten „Short List“ (inzwischen langjährige Stützen dieser Gruppe sind der Gitarrist Geoff Whitehorn, Mitautor vieler Chapman-Songs, sowie der Saxophonist Nick Pentelow), mit der er seither fünf erfolgreiche Langspielplatten einspielte. Seine Interpretation der Mike Oldfield-Komposition „Shadow On The Wall“ bescherte ihm schließlich 1983/84 seine erste Goldene Schallplatte.

Eines ist aus ihm nicht geworden: ein schillernder Popstar mit modisch gestyltem Habitus. Darin, wie in seiner Musik, ist er ein Rocker geblieben, und die Erfahrungen seiner Jahre haben seine Lieder reifer gemacht, ohne ihnen etwas von ihrer Wuchtigkeit zu nehmen. Wenn man seine Lieder hört, dann spürt man, daß ihn auch heute noch nichts kalt läßt. Er kann sich gelb ärgern über die kleinen Widrigkeiten des Lebens (MANGO CRAZY) wie über egoistische Politiker, denen die Probleme der Menschen gleichgültig sind (SITTING UP PRETTY), er belacht mit galligem Spott jene, die sich nur zu bereitwillig einem sinnentleerten Konsumzwang unterwerfen (TOYS: DO YOU?) sowie smarte Alleswisser (I READ YOUR FILE), er spricht mit unverklemmter Offenheit über Sex (BLUESBREAKER), und er schlüpft immer wieder in die Rolle des Verlierers, des über’s Ohr Gehauenen, des Benachteiligten, der dabei aber den Teufel daran denkt, lamentierend aufzustecken (I REALLY CAN’T GO STRAIGHT, BUSTED LOOSE; READY TO ROLL, SWEET VANILLA). Dazu kommt seine Lust am Erfinden skurriler Situationen (LET ME DOWN; HOW, HOW, HOW,), in denen es natürlich auch nie ohne Liebe abgeht und schon gar nicht ohne jene ungezähmte Gier auf das Leben, ohne jene Energie, die auf der Bühne eines seiner hervorstechendsten und unübersehbarsten Merkmale ist. Er selbst sagte darüber: „Ich explodiere. Ich bin sicher viel ungezwungener und freier auf der Bühne als sonst. Aber Selbstdisziplin ist ebenso eine Sache des Rock’n’Roll. Die habe ich in den letzten Jahren gefunden. Aus diesen beiden Polen ziehe ich meine Energie.“ Oder: „Auf der Bühne ist alle vorherige Nervosität verflogen. Dort lasse ich mir freien Lauf und gebe alles, was ich habe. Wenn ich diesen Kitzel nicht empfinden würde, wär’s wohl höchste Zeit für mich, mit dem ganzen Rock’n’Roll-Kram aufzuhören.“

Darum, daß erden „Kram“ hinschmeißt, braucht man sich bei einem Musikanten vom Schlage eines Roger Chapman zumindest demnächst wohl keine Sorgen zu machen.

Manfred Wagenbreth (1985)

PS. Die Titel auf Seite 1 dieser Platte stammen von der LP „Mango Crazy“ (1983), die auf Seite 2 von „The Shadow Knows“ (1984). Produziert wurden beide von Roger Chapman und Geoff Whitehorn.

Titelliste

A1 – Mango Crazy – 4:38
(Chapman / Whitehorn)

A2 – Toys: Do You? – 4:05
(Chapman / Whitehorn / Palmer)

A3 – I Read Your File – 3:57
(Chapman / Whitehorn)

A4 – Bluesbreaker – 4:13
(Chapman / Whitehorn)

A5 – Let Me Down – 3:20
(Chapman)

A6 – I Really Can’t Go Straight – 4:12
(Chapman)

B1 – Busted Loose – 4:42
(Brady)

B2 – Ready To Roll – 5:49
(Chapman / Whitehorn)

B3 – Sitting Up Pretty – 4:38
(Chapman / Whitehorn)

B4 – Sweet Vanilla – 3:55
(Chapman)

B5 – How, How, How (Mad Love) – 5:38
(Chapman)

Roger Chapman (solo-voc)

The Short List
Titel 1 bis 6:
G. Whitehorn (g, bg, keyb, voc)
S. Simpson (slide-g, voc)
B. Burrell (bg)
A. Coulter (dr)
N. Pentelow (as)
D. Mackay (keyb)
J. Cook (syn solo Titel 5)
R. Leahy (keyb)

Titel 7-11
G. Whitehorn (g, bg, keyb, voc)
B. Johnston (keyb, voc)
N. Pentelow (ts)
T. Stevens (bg)
S. Kelly (dr)
J. Lingwood (dr)

Übernahme von POOL Musikproduktionsgesellschaft mbH / Summerhaze Music Ltd., Großbritannien

VEB DEUTSCHE SCHALLPLATTEN BERLIN DDR
Made in the German Democratic Republic
Fotos: Hans-Joachim Zylla
Gestaltung: Michael Roggemann / Studio G+W 1985
Lithografie und Druck: VEB VMW „Ernst Thälmann“, Werk Gotha-Druck
Ag 511/01/85/A Verpackung nach TGL 10609

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