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Count Basie AND Lester Young – AT Newport (1966)

AMIGA 850076 (mono)
(1 Exemplar – eigene Sammlung)

Covertext

Fast 8000 Zuschauer füllten die Freilichtanlage im „Freebody Park“, als am Abend des 7. Juli 1957 das Schlußkonzert des 4. Jazz-Festivals in Newport/Rhode Island, einem kleinen Badeort an der Atlantikküste, über die Bühne ging. Die Veranstalter hatten das Orchester Count Basie verpflichtet, dessen swingender Kehraus zusammen mit einigen bedeutenden Solisten das I-Tüpfelchen auf diese an Höhepunkten nicht gerade arme viertägige Jazzveranstaltung setzte.

Als sich William Basie, geb. am 21. August 1904 in Red Bank/New Jersey, entschloß, eine eigene Band zu leiten, lagen mehr als zehn Jahre Musikerpraxis hinter ihm. Den Klavierstunden bei seiner Mutter waren Jobs in lokalen Kapellen New Yorks gefolgt, wo er auch den „Harlem-Pianisten Nr. 1“, Fats Waller, kennengelernt hatte, dessen Spiel für seine weitere musikalische Entwicklung richtungweisend wurde. Um 1929 gelangte Basie mit einer Varieté-Truppe noch Kansas City, dem Zentrum des amerikanischen Mittelwestens. An der Grenze zwischen Nord- und Südstaaten gelegen, war diese in Rassenfragen relativ tolerante Stadt mit Dutzenden von Ballsälen, Kabaretts und Kinos auch ein Treffpunkt für Musiker. Stummfilmpianist, Mitglied von „Walter Page’s Blue Devils“ und ein Engagement in der Band von Bennie Moten, dem führenden Tanzorchester Kansas Citys – das waren die nächsten Stationen in Basies Laufbahn.

Nach Motens Tod im Jahre 1935 löste sich dessen Band auf. Basie stellte daraufhin eine eigene Combo zusammen, zu der u.a. drei Solisten der vorliegenden Platte gehörten: Jimmy Rushing, ein Blues-Sänger aus Oklahoma City, der Chicagoer Schlagzeuger Jo Jones und der Tenorsaxophonist Lester Young aus New Orleans. Im Mai 1936 besuchte der New Yorker Jazz-Mäzen John Hammond den „Reno Club“ in Kansas City, wo Basies 9-Mann-Band auftrat. Er hatte ihre Musik, die von einem Ortssender aus dem Klub übertragen wurde, zufällig gehört und war von ihr so fasziniert, daß er Basie, dem ein cleverer Rundfunksprecher den Beinamen „Count“ (Graf) gegeben hatte, ein Engagement im New Yorker „Roseland Ballroom“ vermittelte.

Count Basie hielt auch mit seiner inzwischen auf vierzehn Musiker erweiterten Bigband an den Grundprinzipien des Kansas-City-Stils fest. In Verbindung mit dem ungestüm „hüpfenden“ Viervierteltakt des Jump-Rhythmus verliehen die einfachen, stimulierenden Riff-Themen, meist nach dem zwölftaktigen Blues-Schema aufgebaut, Basies Musik etwas zutiefst Aufwühlendes und Erregendes. Das New Yorker Publikum verhielt sich diesen ungewohnten Klängen gegenüber zunächst reserviert. Erst 1938, als die Band ein Engagement im „Savoy“, dem legendären Ballhaus in Harlem, absolviert hatte und ihre Schallplatten im Handel erschienen, wurde sie allgemein anerkannt.

Basies 1957er Orchester ist musikalisch-technisch perfekter als das der dreißiger und vierziger Jahre und spiegelt besonders in Harmonik und Solistik Einflüsse der modernen Jazzentwicklung wider. Seine Kraft schöpft es jedoch nach wie vor aus der Blues-Riff-Formel Kansas Citys. Ein Musterbeispiel dafür ist „Swingin‘ At Newport“, ein Blues in dem von Basie bevorzugten Medium-Tempo. Sein Format als Leiter der Swingband par excellence dokumentiert sich besonders in seiner unnachahmlichen Einleitung, wie er mit einigen wie zufällig hingeworfenen Piano-Takten den Gesamtcharakter des Stücks skizziert, genau das ideale Tempo festlegt und gleichsam zum „Motor“ für seine Musiker wird. Ab zweitem Titel nimmt Jo Jones, Basie-Drummer 1936/43 und 1945/48, den Platz Sonny Paynes ein. Sein legato geschlagener Rhythmus und seine ausgeprägte Beckentechnik wirkten stilbildend auf die Schlagzeuger des modernen Jazz.

Wichtigster Solist der Basie-Band der dreißiger Jahre war Lester Willis Young, geb. am 27 Aug. 1909 in New Orleans. Bereits in Kansas City hatte er, ein Improvisator mit fast unerschöpflichen Ideen, den „Vater des Tenorsaxophons“, Coleman Hawkins, bei einer Jam Session geschlagen. Im Gegensatz zu Hawkins, der mit voluminöser Sonorität und breitem Vibrato spielte, klang Lesters Instrument trocken, flach und vibratolos. Er nahm damals bereits das „kühle“ Tonideal des modernen Jazz vorweg. Auch mit seinen Improvisationen beschritt er neue Wege, indem er sich nicht an die damals üblichen Einschnitte in der Phrasierung nach jeweils vier Takten hielt, sondern diese Zäsuren in weitgeschwungenen Melodiebögen überspielte, bis er einen Gedanken logisch zu Ende geführt hatte. Sein Stil wurde in den vierziger Jahren zum Vorbild für eine Reihe junger Tenoristen, die ihn respektvoll „Pres“ (Präsident) nannten. Ende 1940 verließ er Basie, leitete eigene Combos und wurde 1945 Solist in Norman Grunz‘ „Jazz At The Philharmonic“-Gruppen.

Sein Format als souveräner Gestalter von Balladen unterstreicht Lester Young auf unserer Platte mit „Polka Dots And Moonbeams“. Die temperamentvolle Version seiner Erfolgskomposition „Lester Leaps In“ und die ausgewogenen Chorusse in den Titeln mit Jimmy Rushing zeigen ihn als mitreißenden Improvisator, der – obgleich Wegbereiter des modernen Jazz – ein Swingmusiker geblieben ist. Lesters letzte Lebensjahre wurden zeitweilig von den Folgen des anstrengenden und unsteten Musikerlebens überschattet. Er erlag, knapp fünfzig Jahre alt, im 15. März 1959 in New York einem Leberleiden.

Der wegen seiner Körperfülle „Mr. Five By Five“ (Herr Plump) genannte Jimmy Rushing war fünfzehn Jahre lang Vokalist der Basie Band. „Sent For You Yesterday“ ist ein typisches Beispiel für seinen urwüchsigen Shout-Stil. Den Boogie Woogie über „I May Be Wrong“ charakterisierte John Hammond, der durchs Programm führte, mit der lakonisch-treffenden Ankündigung „Und nun kochen Jimmy, Lester und Count zusammen einen Blues ab!“ Rushings Zugabe „Evenin’“ gehört bereits seit 1936 zu seinem Standardrepertoire.

Zu einem „Furioso in Swing“ gestaltet sich der „One O’Clock Jump“. Nach der traditionellen Basie-Introduktion, die ein Stück Jazzgeschichte darstellt, weist Lester Youngs dynamischer Chorus den Weg für die nachfolgenden Solisten. Joe Newman setzt Lesters Gedanken auf der Trompete fort. Anschließend brilliert Ex-Basie-Tenorist und „Jazz At The Philharmonic“-Star Illinois Jacquet mit einem heiseren expressiven Solo. Nach dem kleinen „Paradestück“ von Basie und seinem Bassisten Ed Jones leitet dann Roy „Little Jazz“ Eldridge, einer der ersten „himmelstürmenden“ Trompeter der Jazzgeschichte, mit seinem effektvoll-explosiven Chorus zu den Riffs der phantastischen Schlußsteigerung über und bringt den brodelnden „Basie-Dampfkessel“ zum Sieden.

Herbert Flügge

Titelliste

A1 – Swingin‘ At Newport

(Wilkins)
Count Basie (p)
Frank Wess (ts)
Joe Newman (tp)
Frank Foster (ts)

A2 – Polka Dots And Moonbeams
(Burke – Van Heusen)
Lester Young (ts)
Jo Jones (d)

A3 – Lester Leaps In
(Young)
Lester Young (ts)
Jo Jones (d)

B1 – Sent For You Yesterday And Here You Come Today
(Rushing / Basle / Durham)
Jimmy Rushing (voc)
Lester Young (ts)
Jo Jones (d)

B2 – Boogie Woogie (I May Be Wrong)
(Rushing / Basie)
Jimmy Rushing (voc)
Lester Young (ts)
Jo Jones (d)

B3 – Evenin‘
(Daniels / Whiting)
Jimmy Rushing (voc)
Lester Young (ts)
Jo Jones (d)

B4 – One O’Clock Jump
(Basie)
Count Basle (p)
Lester Young (ts)
Joe Newman (tp)
Illinois Jacquet (ts)
Ed Jones (b)
Roy Eldridge (tp)

rec. 7 Jul 1957 Newport

Orchester Count Basie
Wendell Culley, Joe Newman, Reunald Jones, Thad Jones (tp)
Henry Coker, Benny Powell, Bill Hughes (tb)
Marshall Royal, Bill Graham, Frank Foster, Frank Wess, Charlie Fowlkes (saxes)
Count Basle (p)
Freddie Greene (g)
Ed Jones (b)

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