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Bruce Cockburn – stealing fire (1988)

AMIGA 856341
(1 Exemplare – eigene Sammlung)

Danke für das Geschenk an Thomas B., Erfurt

Covertext

Rock in Kanada? Vor einigen Jahren assoziierte man damit bestenfalls Gordon Lightfoot und Saga. Daß Guess Who und Bachmann Turner Overdrive ebenfalls aus dem Land mit dem Ahornblatt-Signet kamen, wußte kaum jemand. Eine nationale Rockmusik gibt es im zweitgrößten Land der Erde noch heute nicht. Ursachen sind u. a. eine ethnisch heterogene Bevölkerung, die über achtzig Kulturkreise repräsentiert, und der starke Einfluß der USA auf allen Gebieten.

Letzterem ist es auch zu verdanken, daß ein Sänger wie Bruce Cockburn (gesprochen Co’börn) erst mit seiner 18. Langspielplatte – der vorliegenden „Stealing Fire“, aufgenommen 1984 – international bekannt werden konnte, obwohl seine erste Platte bereits aus dem Jahre 1970 datiert und er 1971 zum „Canadian Folk Singer of the Year“ gekürt wurde. Aber es gibt noch einen zweiten, gewichtigeren Grund für die plötzliche Popularität des kanadischen Rockpoeten: sein politisches Engagement, resultierend aus jahrelanger intensiver Beschäftigung mit den sozialen, politischen, ökologischen Problemen unserer Zeit.

Angefangen hat alles Anfang der sechziger Jahre, in der Hoch-Zeit der Love and Peace-Bewegung. Bereits damals sang Bruce Cockburn für mehr Menschlichkeit, mehr Liebe im Umgang miteinander. Von Platte zu Platte läßt sich eine Erweiterung seines Gesichtskreises, seiner Themen konstatieren. Seine ersten Lieder, solo zur Gitarre gesungen, waren sehr naturbezogen. Bruce Cockburn: „Damals waren meine Songs wohl reichlich verklärt und introvertiert. Durch die Verwendung von Naturbeschreibungen konnte ich meine Gefühle und Visionen ausdrücken.“ Anfang der achtziger Jahre werden seine Songs dann konkreter, gesellschaftsbezogener. Die Langspielplatte „Inner City Front“ (1981) markiert den Beginn einer neuen inhaltlichen Qualität. Lieder wie „Trouble With Normal“ und „Yankee Go Home“ setzen sich dann direkt mit der gesellschaftlichen Realität auseinander. Der Film „Going Down The Road“, zu dem Cockburn 1976 die Musik schrieb, zeigt die Hoffnungen und das Scheitern eines Arbeiters, der aus den Weiten Kanadas nach Toronto kommt. In „Gavans Woodpile“ geht es um Probleme der indianischen Urbevölkerung Kanadas. Als ihn die Haida-Indianer in British Columbia baten, etwas für sie zu tun, funktionierte er ein geplantes Konzert in Vancouver kurzerhand in ein Wohltätigkeitskonzert um – aktive Solidarität also.

Parallel zu den Inhalten entwickelte sich die Musik Cockburns. Nach einigen Jahren Musikschule spielte er drei Jahre in verschiedenen Rock’n’Roll-Bands, probierte mehrere Instrumente und Musikrichtungen aus. Zehn Jahre lang trat er dann als Solist auf, vor allem mit der akustischen Gitarre. Die Doppel-LP „Circles In The Stream“ (1977) markiert mit ihrer Mischung aus Jazz und Folk eine musikalisch neue Phase. Cockburn verarbeitet Einflüsse aus Reggae, afrikanischer Musik, Punk; die Musik wird härter, rockiger. Er erreicht damit ein größeres Publikum, ist sich aber auch der Verantwortung bewußt, die daraus resultiert.

Ende der siebziger Jahre fährt Bruce Cockburn zum ersten Mal ins Ausland, nach Japan, Italien und in die USA, nicht nur als Sänger, sondern mehr noch als politisch wacher Beobachter. Ein Auftritt beim 15. Festival des Politischen Liedes in Berlin 1985 und Konzerte in Karl-Marx-Stadt, Halle und Dresden machen ihn auch bei uns bekannt und beliebt.

Im Februar 1983 reist er mit der kanadischen Sängerin Nancy White im Auftrag der Hungerhilfe-Organisation OXFAM nach Mittelamerika. Erste Station seiner Reise sind zwei Flüchtlingslager in Mexiko. 8000 Guatemalteken leben hier unter primitivsten Bedingungen. Immer wieder überfliegen Hubschrauber aus Guatemala provokatorisch die Grenze. Unter diesen Eindrücken entsteht „If I Had A Rocket Launcher“ – „Wenn ich einen Raketenwerfer hätte“.

Wichtigstes Erlebnis dieser Reise ist für Bruce Cockburn das freie Nikaragua. Er hatte sich bereits zu Hause in Toronto vorbereitet, hatte u. a. Gedichte von Ernesto Cardenal gelesen. Ausdruck seiner Sympathie für das nikaraguanische Volk ist „Nicaragua“, noch in Managua entstanden, ein Lied über den Jungen, der Fonsecas Grab bewacht, über die Frauen der Stadtwäscherei, die nicht glauben wollen, daß Bruce ihnen ein Foto schicken wird, über „Sandino mit dem Tom-Mix-Hut“. Während einer Fahrt auf dem lnteramerican Highway schreibt Bruce „Dust And Diesel“. Die Hoffnung, daß die „zerbrechliche Blüte, die sie gezogen haben, dauern wird“, ist auch die seine. Inzwischen war Bruce Cockburn wiederholt in Nikaragua. Präsident Ortega bedankte sich persönlich für sein Engagement.

Themen der anderen sechs Lieder dieser Platte, vor und nach Cockburns Nikaragua-Reise entstanden, sind ein Einschußloch in Peggys Küchenwand als Hinweis auf sinnlose Gewalt, Versuche, die Selbstisolation zu durchbrechen, Kontakt aufzunehmen, das saharagoldfarbene Haar der Geliebten, Liebende in einer gefährlichen Zeit, und der Poet, der gebraucht wird, der neue Sichtweisen aufzeigt. Ein wenig mag er damit sich selbst meinen, denn auch er sieht sich vornehmlich als Songschreiber, als Poet. Als solcher – wie auch als Musiker – ist er offen und sensibel für seine Umwelt wie für musikalische Stilrichtungen und technische Möglichkeiten.

Weder Rock’n’Roll noch Reggae noch die Romantik der akustischen Gitarre sind an ihm vorbeigegangen. Er hat all diese Einflüsse in seine Person als rundes Ganzes integriert und nicht mechanisch benutzt. Ihn betrifft, was ihn betroffen macht, und das nimmt er in sich auf und gibt es weiter, mit seinen Liedern.

Rainer Bratfisch (1988)

Titelliste

A1 – Lovers In A Dangerous Time – 4:06

A2 – Maybe The Poet – 4:53

A3 – Sahara Gold – 4:31

A4 – Making Contact – 3:46

A5 – Peggy´s Kitchen Wall – 3:42

B1 – To Raise The Morning Star – 5:52

B2 – Nicaragua – 4:47

B3 – If I Had A Rocket Launcher – 4:59

B4 – Dust And Diesel – 5:24

Kompositionen und Texte: Bruce Cockburn
Komposition Titel 2: Bruce Cockburn / Kerry Crawford / Jon Goldsmith / Fergus Marsh
Komposition Titel 6: Bruce Cockburn / Fergus Marsh

Bruce Cockburn, Gitarre, Vocals
Jon Goldsmith, Keyboards
Fergus Marsh, Baß, Stick
Miche Pouliot, Drums
Chi Sharpe, Percussion

Übernahme von Verlag ,pläne‘ GmbH, Dortmund/BRD

VEB DEUTSCHE SCHALLPLATTEN BERLIN DDR
Made in the German Democratic Republic
Rückseitenfoto: Gabriele Senft
Gestaltung: Pläne
Lithografie und Druck: VEB VMW . „Ernst Thälmann“
Werk Gotha-Druck
Ag 511/01/88/A
Verpackung nach TGL 10609

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