oder: Was Du schon immer über AMIGA-(Lizenz-)Schallplatten wissen wolltest.

BAP – vun drinne noh drusse (1983)

AMIGA 856027
(mehrere Exemplare – eigene Sammlung und als Tauschobjekt)

COVER-Text

In einem BAP-Grundkurs wird das Gründungsjahr • der Gruppe etwas verschwommen umschrieben mit „entstanden aus einer absoluten Hobby-Band irgendwann zwischen 1974-1978″. Die Zeitrechnung für BAP beginnt aber eigentlich erst 1979 mit ihrer Langspielplatte „Andere kölsche Leeder“, der 1980 die LP „Affjetaut“ folgte. Lange Zeit Geheimtip und Lokalmatador, kam der Durchbruch mit der 3. LP „Für Usszeschnigge“ und mit dem vierten Album „Vun drinne noh drusse“ wurde der Erfolg untermauert. Spektakuläre Beachtung fand dann der Auftritt als Vorgruppe bei zwei Rolling Stones-Konzerten 1982.

Es hat schon einige Zeit gedauert, bis BAP in der Besetzung der vorliegenden LP (bis auf den Schlagzeuger, der inzwischen von Jan Dix abgelöst wurde) wirksam werden konnte. Über Jahre hinweg gab es spontane Zusammenarbeit und Trennen im Guten bei Unvereinbarkeit der Ansichten und des musikalischen Wollens. Jetzt hatten sich die Leute zusammengefunden, die gleiches wollten und das auch umsetzen konnten. Jetzt konnten sie das machen, was sie „Musik für den Bauch“ nennen.

Der Sänger Wolfgang Niedecken hat keinen Sprachfehler, er singt kölschen Dialekt. „In der Sprache zu singen, mit der man aufgewachsen ist, ist doch das Natürlichste der Welt“, sagt er dazu. Außerdem bemüht er sich um eine sorgfältige Artikulation, so daß sein Sonntägskölsch für ungeübte Ohren nicht ganz wie eine Fremdsprache klingt.

Ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit zeichnet die Texte aus. Wärme ist angesagt, nicht Härte. Manche Lieder geben eine tiefsitzende Unruhe (Kristallnacht) wieder. Zitat Niedecken: „Geschrieben habe ich dieses Lied 1981 in Griechenland, als ich mich wieder daran erinnerte, wie ich 1972 zum ersten Mal hier war und mir permanent eine furchtbare Muffe vor der allgegenwärtigen Junta in den Knochen steckte. Hieran ist auch schon zu ersehen, daß es sich bei diesem Text nicht um einen Beitrag zur deutschen Vergangenheitsbewältigung handelt, sondern ausdrücklich einer Angst vor Leuten, die – egal wo – nichts aus dieser Vergangenheit gelernt haben. Die Massaker von ,My Lai‘ über ,EI Salvador‘ bis ,Beirut‘ entspringen ganz demselben Geist, aus dem heraus an unsren Wänden zunehmend ausländerfeindliche Sprüche auftauchen.“

Der kollektive Zuspruch, den BAP in der BRD findet, zeigt das Interesse von Jugendlichen, sich mit Standpunkten, Meinungen und Haltungen zu identifizieren, sich widerzuspiegeln in eigenen Wünschen und gesellschaftlichen Sehnsüchten. Ausdruck dafür der Song vom „Zehnten Juni“. Dazu Wolfgang Niedecken: „Das auszudrücken,-was mir durch den Kopf ging, als wir am 10. Juni auf der Bonner Rheinaue auf der Bühne standen und mit den Zweckbauten des Regierungsviertels im Blickfeld unsere Stücke spielten, war gar nicht so einfach. Den ganzen Tag über war die ständig anwachsende Teilnehmerzahl dieser bisher größten Friedensdemonstration – anläßlich des NATO-Gipfels und des Reagan-Besuchs -bekanntgegeben worden, und ich denke, daß ich nicht der einzige war, dem diese Meldungen wie Öl runtergingen.
Ach ja, BAP(P), zu kölsch: Vater, ist nichts anderes als ein alter Spitzname von Wolfgang Niedecken, der mit nur drei Buchstaben geschrieben einfach besser auf die Baßtrommel paßte.

Karl Heinz Ocasek

Kristallnacht
Es kommt vor, daß ich meine, daß etwas klirrt / Daß sich irgendetwas in mir verirrt / Ein Geräusch nicht mal laut / Manchmal klirrt es vertraut / Selten so, daß man es direkt durchschaut / Man wird wach, reibt sich die Augen und sieht / in einem Bild • zwischen Brueghel und Bosch / keinen Menschen, der etwas um Sirenen gibt / weil Entwarnung nur halb so viel kostet / Es riecht nach Kristallnacht.

In der Ruhe vor dem Sturm, was ist das / Ganz klammheimlich verläßt jemand die Stadt / Honoratioren inkognito / hasten vorbei / offiziell sind die nicht gerne dabei / wenn die Volksseele – allzeit bereit / Richtung Siedepunkt wütet und schreit / „Heil-Halali“ und grenzenlos geil / nach Vergeltung brüllt, zitternd vor Neid / in der Kristallnacht.
Doch die alles was anders ist stört / die mit dem Strom schwimmen, wie es sich gehört / Für die, Schwule Verbrecher sind / Ausländer Aussatz sind / die brauchen jemanden, der sie verführt / Und dann rettet keine Kavallerie / kein Zorro kümmert sich darum / der pißt höchstens ein „Z“ in den Schnee / und fällt lallend vor Lässigkeit um: / Na und, Kristallnacht.
In der Kirche mit der Franz Kafka-Uhr / ohne Zeiger mit Strichen drauf nur / liest ein Blinder einem Tauben / Struwelpeter vor / hinter dreifach verriegelter Tür / Und der Wächter mit dem Schlüsselbund hält / sich im Ernst für sowas wie ein Genie / weil er Auswege pulverisiert / und gegen Klaustrophobie verkauft / in der Kristallnacht.
Währenddessen, am Marktplatz vielleicht / unmaskiert, heute mit einem wahren Gesicht / sammelt Stein, schleift das Messer / auf die, die schon denunziert sind / probt der Lynchmob für das Jüngste Gericht / Und zum Laden nur flüchtig vertäut / -die Galeeren stehen längst unter Dampf- / wird am Hafen auf Sklaven gewartet / auf den Schrott aus dem ungleichen Kampf / aus der Kristallnacht.
Da, wo Darwin für alles herhält / ob man Menschen vertreibt oder quält / Da, wo hinter Macht Geld ist / wo stark sein die Welt ist / von Kuschen und Strammstehen entstellt / Wo man Hymnen sogar auf dem Kamm bläst / in barbarischer Gier nach Profit / Hosianna und „Kreuzigt ihn“ ruft / wenn man irgendeinen Vorteil darinnen sieht / Es ist täglich Kristallnacht.

Zehnter Juni

Refrain: Plant mich bloß nicht bei euch ein / seit ich euch durchschaut habe, weiß ich / daß ich nicht auf dem falschen Dampfer bin / Ich hab‘ mit eure Logik nichts am Hut / wieso ihr was, so getan habt, und noch vorhabt / weshalb ihr über Leichen geht.

Denn was ihr logisch nennt, das nenn ich pervers / auch eure ganze Wertigkeit / Mir bricht der Schweiß bei jedem Wort von euch aus / und wenn ihr still seid, dann auch / was ihr Moral nennt, ist für mich Krampf / was ihr normal nennt, das auch / Eure Ideale habt ihr diskret verschlampt / wie ein gebrauchtes Tempotuch / Seid ihr alle scheuklappenblind / wie es alte Schlachtrösser sind / abgestumpft oder nur skrupellos?
Ihr Nadelstreifen-Schreibtischtäter, hört zu / egal; wo ihr euch versteckt / Die Sorte stirbt aus, die marionettengleich ihr / als Minenhunde vorschickt / Eure Schachfiguren haben das Denken gelernt / und springen einfach vom Brett / Bis zum Kadaver wird jetzt nicht mehr pariert / Probiert doch selbst wie Dreck schmeckt / Noch ist es nicht so weit / doch seit einiger Zeit / werden es Tag für Tag mehr – immermehr.
Plant uns bloß nicht bei euch ein / seit wir euch durchschaut haben, wissen wir / daß wir nicht auf dem falschen Dampfer sind / Wir haben mit eure Lügen nichts am Hut / mit dem, was ihr schon gelogen, lügen wollt / und dem, was ihr gerade lügen tut.

 

Nicht für Kuchen

Oh nein, nicht für Kuchen, Leute, bleib ich Karneval hier / nein, ich ziehe mich zurück, ich mach nicht mit dabei Ich will weg sein, wenn jeder auf „aufgeklärt“ macht / Und seine Klosprüche als Witze tarnt / Wenn. der letzte Verklemmte mir das Du anbietet / und einmal im Jahr auch meine Sprache spricht / Ich kann wirklich nicht drüber lachen, wenn jene fragen / die sonst nichts ohne Schlips und Kragen machen / ob ihre Pappnase richtig sitzt.
Die Vereinsmeier haben dann ihre Hochkonjunktur / Uniformfetischisten erst recht / Ich möchte nicht wissen, wieviele noch von damals dabei sind / wieviele, die jetzt scheißliberal / bis bierernst. ihre Traditionen / mit dem Mief von tausend Jahren / konservieren und betonen / daß sie klüngeln wär gar nicht wahr. Wenn die Kleinlichkeitskrämer als Weltmeister gehen / klar – ihre Beistellfrau bleibt schön daheim / und im Suff sich beklagen, die würde nichts verstehn / und dann fremdgehn, natürlich geheim / Die sich versuchen zu belügen, sich weiszumachen so ging „Frei“ / das Schärfste ist, wenn sie dann singen: / am Aschermittwoch ist alles vorbei.
Anderseits ist das praktisch, das muß ich gestehn / jedes Verhalten sortiert wie eine Kartei / Stechuhr-Weihnachten; schwarz, wenn einer stirbt, auf die Tour / kommt dann jedes Gefühl „clean“ an die Reihe / Wißt ihr was, Leute? Ihr könnt mich. Ich bin lustig / wie ich es will das ganze Jahr / Wenn ihr wollt, leckt mich quer, aber schmiert euch / eure Kompensationen unter euch in die Haare.

 

Titelliste

A1 – Kristallnaach – 4:56

A2 – Wellenreiter – 2:20

A3 – Zehnter Juni – 4:21

A4 – Wie ’ne Stein – 4:26

A5 – Do kanns zaubere – 4:34

B1 – Nit für Kooche (Teil 1) – 1:40

B2 – Nit für Kooche (Teil 2) – 4:03

B3 – Ahn ’ner Leitplank – 4:14

B4 – Wenn et Bedde sich lohne däät – 4:32

B5 – Eins für Carmen un en Insel – 2:53

B6 – Koot vüür Aach – 3:29

Kompositionen: BAP, Titel 4: Bob Dylan
Texte: Wolfgang Niedecken

Eingespielt im Sommer 1982 von:
BAP
Manfred Boecker (Percussion, Schlagzeug, Gesang)
Wolfgang Boecker (Schlagzeug)
Steve Borg (Bass, Piano)
Alexander Büchel (Tasteninstrumente, Gesang)
Klaus Heuser (Gitarren, Mandoline, Gesang)
Wolfgang Niedecken (Gesang, Mundharmonika)
Hans Wollrath (Percussion, Gesang)
Birgit van der Most (Sologesang bei Titel 6)

Übernahme von EMI Electrola GmbH, Köln/BRD

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Gestaltung: EMI
Lithografie und Druck: VEB Gotha-Druck
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