oder: Was Du schon immer über AMIGA-(Lizenz-)Schallplatten wissen wolltest.

Barclay James Harvest (1985)

AMIGA 856127
(1 Exemplar – eigene Sammlung)

Covertext

Nicht einmal der Manager in London konnte Auskunft darüber geben, was BARCLAY JAMES HARVEST eigentlich bedeutet.“Absolut gar nichts“, beeilte er sich zu versichern. Das sei eines der Geheimnisse der Gruppe. Geheimnisse, zu denen auch das zurückgezogene Privatleben der Musiker gehört. Informationen über die drei – ursprünglich vier – Mitglieder der Band sind knapp, dafür gibt es eine um so reichhaltigere Diskographie. Zwischen 1970 und 1984 hat es die Gruppe auf 19 LP gebracht, darunter drei Live-Alben. Kein Geheimnis ist auch, daß BARCLAY JAMES HARVEST fast fünf Jahre lang hart arbeiten mußten, bevor sie ihre erste LP einspielten. Weitere neun Jahre sollten vergehen, bis sich der investierte Schweiß endlich in steigenden Verkaufszahlen auszahlte: 1979 gab es für „Gone To The Earth“, ihre elfte Platte, die erste Goldene Schallplatte.

BARCLAY JAMES HARVEST – kurz BJH – entstand 1966 aus zwei in der englischen Stadt Oldham beheimateten Blues- und Soulgruppen. Von den „Blues Keepers“ kamen John Lees und Stuart John „Wooly“ Wolstenholme, von „Heart And Saul And The Wickeds“ stießen Les Holroyd und Met Pritchard dazu. Schon bald entwickelten sich Holroyd (Jahrgang 48) und der ein Jahr ältere Lees zu profilierten Songschreibern, die sich bis heute zu gleichen Stücken in das Repertoire der Band teilen. Bis zur zwölften LP (1978) steuerte auch Keyboarder und Sänger Wolstenholme Kompositionen bei, der jedoch die Band ein Jahr später mit Blick auf eine Solokarriere verließ. Dies blieb aber die einzige Veränderung innerhalb der Gruppe seit 1966, weswegen man sie auch zu den beständigsten Formationen der Rockszene überhaupt zählt. Lees und Holroyd sind beides Multiinstrumentalisten, bedienen sowohl diverse Gitarren als auch Keyboards und zeichnen für den Gesang verantwortlich. Drummer und Perkussionist der Gruppe ist der ebenfalls 1948 geborene Mel Pritchard. Für Plattenaufnahmen und Konzerte verstärkt sich BJH seit 1979 mit zwei Gastmusikern (Kevin McAlea, Colin Browne bzw. Bias Boshell), die mit Keyboards, Gitarren, Saxophonen und nicht zuletzt ihren Stimmen dabei helfen, den gruppeneigenen bombastischen Klangteppich zu erzeugen.

Und so verlief die Entwicklung der Band: 1967 ergibt sich die Möglichkeit, in einem Farmhaus gemeinsam leben und üben zu können. BJH werden Profis. 1968 erscheint die erste Single, eine unbedeutende Kopie der zu dieser Zelt gängigen Hits. Die Gruppe tingelt durch den Nordwesten Großbritanniens und arbeitet intensiv an neuen Songs. Ein Jahr darauf erhält sie ihren ersten Plattenvertrag. 1970 entsteht in den legendären Abbey Road Studios in London die Debüt-LP von BJH, deren Verkauf durch Konzerte in Großstädten – zusammen mit einem Symphonieorchester – gefördert werden sollte. 1972 beginnen zwei eher unerfreuliche Jahre für die Gruppe; Probleme mit Plattenfirmen, Managern und Tourneeveranstaltern häufen sich, sie tritt zum letzten Mal live mit dem finanziell zu aufwendigen großen Orchester auf. Es folgen Konzerte in Clubs und Universitäten, wo man sich ein treues und beständig wachsendes Publikum schafft – die Grundlage für kommende Erfolge. Nach einem Wechsel des Managements und der Plattenfirma stabilisiert sich 1974 die BJH-Karriere. 1975 nimmt die Band an der amerikanischen Westküste ihre neunte LP auf (Time Honoured Ghosts), mit der sie endlich den Durchbruch in den Hitlisten schafft. Bis 1979 wechseln sich mit schöner Regelmäßigkeit Plattenaufnahmen mit Konzerttourneen ab, die Gruppe hat gleichbleibenden, wenn auch nicht übermäßigen Erfolg. Doch 1980 erreicht BJH endgültig internationale Berühmtheit. Mittlerweile nur noch ein Trio, reißen sie über 250 000 Menschen auf den insgesamt 53 Konzerten einer Westeuropa-Tournee zu Begeisterungsstürmen hin. Jetzt hat die Band mit „Life Is For Living“ auch ihren ersten Single-Erfolg.

Beim Hören der Werke der drei Softrocker von BJH läßt sich unschwer eine ganze Reihe musikalischer Vorbilder erkennen. Am ehesten könnten sie in die Garde der von Pink Floyd angeführten, herkömmliche Rockstrukturen brechenden Soundphantasten eingeordnet werden. BJH vertieren sich aber nicht in deren musikalischer Kompliziertheit, sondern weben schlichte melodische Grundmuster. Bis auf wenige elegische Synthesizerparabeln gibt es einen durchgehenden Viervierteltakt. Ebenso wie Pink Floyd sind BJH Perfektionisten, und ihre Lichtshows sind nicht minder aufwendig. Die drei Musiker haben kompromißlos an ihrem Stil festgehalten und bringen ihre Songs, nicht zuletzt dank einer ausgeklügelten Public-Relations-Kampagne, immer erfolgreicher an den Mann.

Auf dieser Platte werden Titel vorgestellt, die zwischen 1974 und 1984 entstanden und auf sieben verschiedenen LP veröffentlicht wurden. Es sind Beispiele für den Versuch von BARCLAY JAMES HARVEST, die Hörerschaft in den Bann ihrer nicht leicht zu deutenden pseudophilosophischen Analysen zwischenmenschlicher Beziehungen zu ziehen. Meditativ angehaucht, stellen ihre Lieder Partnerbeziehungen in kosmische Zusammenhänge, beschwören sie ähnlich wie die Cover-Grafiken ihrer Alben Zukunftsvisionen einer am Widerspruch zwischen Egoismus und Liebe leidenden Welt.

Michael Wojtek (1985)

Titelliste

A1 – Life Is For Living – 3:37

A2 – Believe In Me – 4:20

A3 – Child Of The Universe – 5:04

A4 – The Song (They Love To Sing) – 6:04

A5 – Echos And Shadows – 4:58

B1 – Waiting On The Borderline – 3:49

B2 – Sip Of Wine – 4:22

B3 – Say You’ll Stay – 3:53

B4 – Capricorn – 4:33

B5 – The World Goes On – 6:24

Kompositionen, Texte und Arrangements:
Les Holroyd
Titel 3 und 9: John Lees

Barclay James Harvest:

John Lees (solo-g, ac-g, solo-voc)
Les Holroyd (bg, ac-g, voc)
Mel Pritchard (dr, perc)
Stuart John Wooly Wolstenholme (keyb, voc)

Übernahme von der Deutschen Grammophon Gesellschaft mbH, Hamburg/BRD

VEB DEUTSCHE SCHALLPLATTEN BERLIN DDR
Made In the German Democratic Republic

Fotos: DGG
Gestaltung: Manfred Kempfer
Lithografie und Druck: VEB VMW „Ernst Thälmann“
Werk Gotha-Druck
Ag 511/01/85/A Verpackung nach TGL 10609

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